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Wie schaffen wir eine starke „Humanismus-Gewerkschaft“?

Um bundesweit oder international richtig wirksam zu werden, muss Humanismus als Organisation von Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland um ein Vielfaches größer werden. Das hatte ein Ländervergleich mit Norwegen, Schweden und Großbritannien in der vorletzten Ausgabe der diesseits gezeigt. Doch wie realistisch ist das Ziel einer starken „Humanismus-Gewerkschaft“? Erfahrene Vertreterinnen und Vertreter meinen: Es ist machbar, wenn wir es wollen.

Von Arik Platzek

Wenn der weltanschauliche und ethische Humanismus, wie er sich im Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) verkörpert, ähnlich breit in unserer Bevölkerung verankert sein soll, wie er es in Norwegen ist, müssten hierzulande mehr als eine Million Menschen dem Verband angehören.

Das hatte ein Ländervergleich zum Titelthema der ersten Ausgabe von diesseits im Jahr 2016 („Gottlos glücklich?“, S. 8 ff., Nr. 114) gezeigt. Denn in dem skandinavischen Land sind mehr als 83.000 Menschen Teil des Human-Etisk Forbund, bei einer Bevölkerung von gerademal etwas mehr als 5,1 Millionen. Das um ein Vielfaches größere Netzwerk von Menschen macht eine breite gesellschaftliche Anerkennung möglich, von der nicht nur Bürger mit säkularer humanistischer Lebensauffassung in Deutschland träumen. Human-Etisk Forbund ist zugleich einer der stärksten Träger von internationaler Arbeit, die auf Basis des Humanismus-Verständnisses der Amsterdam-Deklaration 2002 in vielen Ländern geleistet wird.

Im Nachbarland Schweden hingegen zählt Humanisterna, der Verband der schwedischen Humanistinnen und Humanisten, nicht zuletzt aufgrund seiner jahrelangen Uneinigkeit in der Entwicklung praktischer Arbeit heute zwar nur rund 5.000 Mitglieder bei rund 9,9 Millionen Einwohnern. Im Vergleich mit dem Humanistischen Verband Deutschlands hat Humanisterna aber immer noch gut doppelt so viele direkte Unterstützer.

Wenn es gelingen sollte, an das norwegische Vorbild anzuknüpfen, müssten beispielsweise in der Bundeshauptstadt rund 56.000 Menschen den Humanistischen Verband unterstützen – auch hier wäre also eine Vervielfachung anzustreben. Zweifellos: Der Humanistische Verband in Berlin hat seit der Lösung vom alten Freidenkertum und bloßer Kirchenkritik seit den 1980er Jahren eine beeindruckende Entwicklung vollzogen und zählt heute mehr als 10.000 Mitglieder – von denen eine erhebliche Menge allerdings noch jünger als 25 Jahre ist. Trotzdem scheint es noch viel Spielraum nach oben zu geben, wenn es um die Frage nach möglichen Wachstumsgrenzen solcher Verbände in säkularen und europäisch-westlichen Gesellschaften geht.

ver.di Bayern hat 235.000 Mitglieder

Nicht weniger Luft nach oben gibt es in Bayern, wo der Ländervergleich ein natürliches Limit von rund 200.000 Menschen nahelegt – was deutlich weniger wäre als etwa der bayerische Landesbezirk der Gewerkschaft ver.di im Jahr 2013 hatte. In Baden-Württemberg könnte die Grenze in diesem Vergleich bei knapp 170.000 Unterstützern liegen, in Niedersachsen bei rund 125.000 Bürgerinnen und Bürgern, die sich als humanistisch denkende Menschen zusammengeschlossen hätten. Sind so große „Humanismus-Gewerkschaften“ in den Ländern mit fundiertem ethischem, praktischem und politischem Profil eine realistische Vision – oder bloß eine schillernde Utopie?

Bruno Osuch. Foto: © A. Platzek

Bruno Osuch. Foto: © A. Platzek

Bruno Osuch, langjähriger Präsident des Humanistischen Verbandes in Berlin und von 2012 bis 2014 Präsident des gemeinsamen Verbandes für Berlin und Brandenburg, meint zur Frage, ob es in absehbarem Zeitraum gelingen kann, mehrere zehntausend neuer Mitglieder zu gewinnen: „grundsätzlich Ja“.

Aber: „Das alles geht nur mit einem hochprofessionellen, modernen und sehr attraktiven Angebot auf Seiten des HVD wie es in Berlin-Brandenburg, Nürnberg-Fürth oder den Niederlanden, Belgien und Norwegen bereits entwickelt wurde und wird“, so Osuch weiter. Als „unbedingt wichtig“ bezeichnet er es ebenfalls, sich vom „alten und sehr tradierten Mitgliederbegriff“ zu lösen. Zeitgemäß sei ein „erweiterter Mitgliederbegriff“, der die große Zahl von Menschen berücksichtigt, die die Dienstleistungen des Verbandes in Anspruch nehmen.

Mehr Mitglieder, mehr Förderung

Gabriele Will, Vorstandssprecherin der Humanisten Baden-Württemberg, betont, dass dem politischen Druck, sich kirchenförmig zu organisieren, um Chancen zur Teilhabe und Anerkennung in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zu verbessern, nicht einfach nachgegeben werden sollte. Bürgern ohne christliche Weltanschauung dürfte im weltanschaulichen neutralen Staat keine ihrem weltanschaulichen Selbstverständnis widersprechende Organisationsform aufgezwungen werden, erinnert sie.

Gabriele Will. Foto: © A. Platzek

Gabriele Will. Foto: © A. Platzek

Doch auch wenn kein Humanistischer Verband in großkirchlichem Maßstab zum humanistischen Selbstverständnis zu passen scheint, befürwortet sie ein weiteres Wachstum sehr. „Nach meiner Erfahrung erreichen wir das nicht mit Flyern oder Zeitungsannoncen, sondern am ehesten mit sozialen Projekten. Dadurch werden wir wahrnehmbarer“, so Gabriele Will weiter. Und sie erinnert, dass in Baden-Württemberg eine höhere Mitgliederzahl auch höhere Förderbeträge seitens des Landes in Aussicht stellt. Sie wünscht sich hier, dass zögernde Sympathisanten dies bei ihren Überlegungen über einen Beitritt bedenken würden. „Realistisch ist für mich ein langsames, aber stetiges Wachstum des Verbandes. Daran sollten wir arbeiten, es ist machbar“, schließt Will.

„Natürlich wollen wir bekannter werden und mitgliederstärker. Nach meiner Erfahrung erreichen wir das nicht mit Flyern oder Zeitungsannoncen, sondern am ehesten mit sozialen Projekten. Dadurch werden wir wahrnehmbar.“ – Gabriele Will.

Skeptischer ist Valentin Abgottspon aus dem Nachbarland von Baden-Württemberg. Der Lehrer und Vize-Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz (FVS) meint: „Es ist grundsätzlich möglich, wird aber wohl leider nie eintreten. Es ist sowieso ein Spagat. Es gibt Freidenkerinnen und Freidenker, die als Hauptziel die strikte Trennung von Staat und Religionsgemeinschaften anstreben und die FVS gerne auflösen würden, hätten wir dieses Ziel – sagen wir mal – 2035 erreicht“, so Abgottspon.

Valentin Abgottspon. Foto: © Dorothee Schmid

Valentin Abgottspon. Foto: © Dorothee Schmid

Offenbar gibt es also in der FVS immer noch den inneren Konflikt, der das Wachstum von Humanisterna lange beeinträchtigt hat – doch bei der FVS hat man sich mittlerweile für den Weg des praktischen Humanismus entschieden, und Valentin Abgottspon – frischgebackener Vater – ist einer der stärksten Befürworter des positiven, eigenen Ansatzes im gesellschaftlichen Engagement. „Wir sind mehr als nur Religionskritiker. Wir versuchen, dies durch unser vielfältiges Engagement und unsere Angebote einer breiten Bevölkerung klarzumachen“, sagt Valentin Abgottspon.

Für viele der Angebote der FVS sei es egal, ob eine strikte Trennung zwischen Staat und Religion in der Schweiz herrsche oder nicht: darunter die Begleitung bei Lebenswenden mit weltlichen Zeremonien, soziales Engagement, das humanistisch-wissenschaftliche Sommerlage für Jugendliche Camp Quest und das Wissensfestival denkfest zählen dazu. „Auch unsere internationalen Tätigkeiten und die Unterstützung von Flüchtlingen, die aufgrund ihrer religionslosen Lebensweise oder religionskritischen Äußerungen in die Schweiz flüchten mussten, sind uns wichtig“, betont Abgottspon. „Es wäre toll, könnte sich die FVS über doppelt oder dreimal so viele Mitglieder wie jetzt freuen. Dann wäre unser Gewicht größer, unsere Handlungsfähigkeit würde überproportional steigen“, so Valentin Abgottspon.

Sonja Eggerickx. Foto: © A. Platzek

Sonja Eggerickx. Foto: © A. Platzek

Sonja Eggerickx, langjährige Präsidentin der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union und früher als Ethiklehrerin in Belgien tätig, schließt sich den Fürworten zum Aufbau ebenfalls an. Es sei zwar leicht zu sagen, dass Humanisten keinen Mitgliedsausweis brauchen, um Humanisten zu sein, so Eggerickx. Trotzdem seien starke Verbände wichtig, um Präsenz gegenüber der Politik und in der Gesellschaft zu zeigen. „Mehr Mitglieder bedeuten für uns größere Möglichkeiten, auch finanziell, unsere Lebensauffassung bekannt zu machen und der Politik und Politikern zu zeigen, dass wir nicht lediglich eine kleine Minderheit sind, die ignoriert werden kann“, so Eggerickx.

Zur Erhöhung der Sichtbarkeit sei eine gute Strategie unerlässlich, denn „Vorträge, Diskussionen, Flyer und alles andere sind zwar gut und schön, doch es birgt auch die Gefahr, immer nur die gleichen Menschen zu erreichen.“ Praktischer Humanismus, der Menschen für praktische Projekte und Anliegen zusammenbringt, sei aus ihrer Sicht unverzichtbar. Die Jugendfeier bezeichnet sie hier als ein sehr gutes Beispiel, sie hält aber auch alle anderen Ansätze, die Menschen für humanistische Aktivitäten und Projekte zusammenbringen, für wertvoll. Sonja Eggerickx ergänzt: „Es mag von meiner Seite aus seltsam klingen, aber wir sollten nicht zögern, Teilnehmer einzuladen, Mitglied zu werden und sie davon zu überzeugen, sich unserer Organisation anzuschließen. Also, in der Tat: Lasst es uns versuchen und für mehr Mitglieder arbeiten!“

Osuch: Massive Investitionen in Öffentlichkeitsarbeit unabdingbar

Die Voraussetzungen scheinen gut. Viele Millionen Menschen in der Bundesrepublik haben sich weitgehend von religiösen Glaubensformen emanzipiert. Sich nicht permanent gegen omnipräsente Religion behaupten zu müssen, schafft Freiräume zur Entwicklung vieler und vielfältiger eigener Ansätze und Praxisformen. Deutschland ist zudem ein im Vergleich sehr reiches Land. Und nicht zuletzt: Das im deutschen Grundgesetz und in anderen Bereichen des Rechts angelegte Modell einer kooperativen Laizität, die ein Zusammenwirken mit und die Förderung durch staatliche Institutionen nicht grundsätzlich ausschließt, bietet enorme Chancen – und schon heute finden humanistische Projekte in vielen Regionen ein wesentliches Fundament in diesen Kooperationsformen.

In der römisch-antiken Zahlschrift steht das X für die Zahl 10. Ein Rahmen kennzeichnete die Multiplikation der Zahl mit dem Faktor 100.000. Das Zeichen repräsentiert dementsprechend eine Million – die Zahl der Unterstützer, die der organisierte Humanismus in Deutschland erreichen könnte.

In der römisch-antiken Zahlschrift steht das X für die Zahl 10. Ein Rahmen kennzeichnete die Multiplikation der Zahl mit dem Faktor 100.000. Das obige Zeichen repräsentiert dementsprechend eine Million – die Zahl der Unterstützer, die der organisierte Humanismus in Deutschland erreichen könnte.

Bruno Osuch nennt noch weitere Faktoren, die aus seiner Perspektive für eine nachhaltig erfolgreiche Wachstumsentwicklung eine Rolle spielen. Ein professionelles, modernes und attraktives Angebot wie etwa in Berlin-Brandenburg, Niedersachsen und Bayern oder Norwegen „zu entwickeln braucht einen entsprechenden starken Willen, viel Kreativität, Mut und Geld sowie einen längeren Vorlauf bzw. langen Atem“, so Osuch. Doch diese Voraussetzungen sieht er in vielen Bundesländern noch nicht gegeben. „Insofern bin ich bei der Frage der realen Umsetzung deutschlandweit doch eher skeptisch“, ergänzt er. Mehr Bekanntheit sei auf jeden Fall ein wesentlicher Faktor. „Deshalb halte ich auch massive Investitionen in die Öffentlichkeitsarbeit für unabdingbar. Man kennt uns einfach viel zu wenig – selbst in Berlin oder Nürnberg“, so Osuch.

Selten wird sie erwähnt und doch ist sie immer da: die große Hoffnung, dass die deutschen Humanistinnen und Humanisten dem norwegischen Beispiel folgen wollen – und eines Tages auch unseren Haltungen und Wertungen außerhalb der Ländergrenzen zu mehr Bedeutung verhelfen können, etwa in den vielen Ländern, wo es keine langen Traditionen gibt und humanistisch denkende Menschen Repressionen oder sogar Gewalt ausgesetzt sind. Es ist daher sicherlich kein Zufall, dass mit Marieke Prien nun eine Humanistin aus Niedersachsen an der Spitze der International Humanist and Ethical Youth Union steht. Denn natürlich erhofft man sich mehr Unterstützung aus dem vergleichsweise großen und reichen Land in der Mitte Europas, in dem wir uns befinden.

Dieser Text ist zuerst in der Ausgabe 3/2016 von diesseits – Das humanistische Magazin erschienen. Die gesamte Ausgabe mit vielen weiteren interessanten Nachrichten, Kommentaren und Perspektiven können Sie hier als ePaper kaufen und gleich lesen.

Eine starke „Humanismus-Gewerkschaft“ – doch nur ein Traum?

Hat ein „Projekt X “ – also die Arbeit an dem Ziel, rund eine Million Unterstützer unter den etwa 82 Millionen Menschen in Deutschland zu finden – eine realistische Aussicht auf Erfolg? Oder bleibt unser Humanismus-Verständnis in der Theorie und Praxis nur eine weltanschauliche Kuriosität und Fußnote in der Kulturgeschichte der Menschheit? Eine Binsenweisheit lautet: Man muss nach den Sternen greifen, um den Himmel zu erreichen. Humanistinnen und Humanisten wollen sicherlich nicht „in den Himmel“, doch der Blick auf die Sterne hat ihre Geisteshaltungen und Handlungen seit über 2000 Jahren geprägt. Warum also sollten wir diese wertvolle Perspektive aufgeben?

Mitdiskutieren! Was muss getan werden, um dem Ziel einer starken „Humanismus-Gewerkschaft“ näher zu kommen? Bringe deinen Vorschlag ein: entweder im Kommentarbereich oder benutze das Formular auf dieser Seite, um einen längeren Text einzusenden.

1 Antwort

  1. Die Beiträge von Bruno Osuch und Sonja Eggerickx halte ich für richtungsweisend.
    Osuch konstatiert: „Die Voraussetzungen scheinen gut. Viele Millionen Menschen in der Bundesrepublik haben sich weitgehend von religiösen Glaubensformen emanzipiert.“ Und er nennt eine Zahl, was ich mutig finde. Aber ohne eine anspruchsvolle Zielperspektive wird nichts erreicht. Dann sagt Osuch: „Eine Million“.
    Mehr Bekanntheit ist DER wesentlicher Faktor. Dazu Osuch: „Deshalb halte ich auch massive Investitionen in die Öffentlichkeitsarbeit für unabdingbar.“ Einzelne oder regional begrenzte Projekte nähren zwar Träume über ein flächendeckendes, vergleichbares Angebot wie etwa in Berlin-Brandenburg oder Bayern. Sie sind aber auf absehbare Zeit unerreichbar; es fehlt das Geld und es ist ein zu langer Vorlauf erforderlich.
    Auch Eggerickx hält die Erhöhung der Sichtbarkeit als strategischen Ansatz für unerlässlich. Aber dazu können aber m.E. Vorträge, Diskussionen, Flyer und auch bereits gängige praktische Aktivitäten gute Ansatzpunkte bieten, so z.B. auch die Jugendfeier. Letztlich kommt Eggerickx zu dem Schluss „… wir sollten nicht zögern, Teilnehmer einzuladen, Mitglied zu werden und sie davon zu überzeugen, sich unserer Organisation anzuschließen.“
    Was könnten wir also daraus mitnehmen:
    – offensive Zielbestimmung aufgrund realistischer Planung
    – massiver Ausbau unserer Öffentlichkeitsarbeit
    – Mitgliederwerbung
    – zeitnahe Evaluation und Unterstützung

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